WRITTEN ART COLLECTION

Artists

Etel Adnan

Seit der documenta 13 im Jahr 2012 gehört die 1925 geborene Schriftstellerin Etel Adnan zum Kanon der Weltkunst. Ihre handgeschriebenen Leporellos mit eingängigen Texten und leuchtenden Farben sind mehrere Meter breit, aber sie erscheinen fragil. Sehr klare Worten stehen unmittelbar neben starkfarbigen, nahezu kindlichen Bildern.

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Kalimat
Kalimat 2012

Siah Armajani

Schon als Jugendlicher und noch im Iran betätigte sich Siah Armajani (1939 – 2020) als Kalligraf und Zeichner. ›Panje Tan‹, ein Werk in Tusche, bedeutet ›Die Fünf‹, es steht für den islamischen Propheten und seine Familie. Als Christ aus gebildetem und wohlhabendem Haus floh Armajani noch 1960 aus dem Iran, um sich in den USA zum Konzeptkünstler und einflussreichen Architekten von Kunst im öffentlichen Raum zu entwickeln. In seiner Heimat Minneapolis und in New York wurde er zuletzt 2018/19 mit Museumsretrospektiven geehrt.

Panje Tan (Detail)
Panje Tan (Detail) 1960

Alighiero Boetti

Alighiero Boetti oder Alighiero e Boetti (1940 – 1994) war Ideengeber für die ›Arte povera‹. 1968 übermittelte er anhand eines Fotos die Vorstellung, dass er selbst ein Zwilling sei. Ab 1971 ließ er in Afghanistan und später in Pakistan Stickbilder mit dem Titel ›Mappa‹ produzieren. Zuerst ging es ihm um Kriegsgebiete, dann um ›Territori occupati‹. Danach entstanden Weltkarten mit den Staatsgrenzen und den Flaggen der Nationen. Mehr und mehr sollten die Stickerinnen und Sticker selbst entscheiden, welche Farben und Schriften sie verwendeten.

Mappa
Mappa 1980
© Philipp Ottendörfer

Sam Francis

Sam Francis (1923 – 1994) studierte Malerei in San Francisco und ging anschließend nach Paris. Hier löste er sich von flächendeckenden, monochromen Werken zugunsten bunter Farbinseln. Inspiriert von Reisen nach Japan entwickelte er sein gestisches, spontanes Dripping mit dem Ergebnis feiner Texturen. Durch die Anlehnung an den abstrakten Expressionismus, den Tachismus ebenso wie die japanische Kalligrafie wurde er ab Mitte der 1950er Jahre zu einem maßgeblichen Vermittler zwischen der Kunst des Westens und des Fernen Ostens.

Ohne Titel
Ohne Titel 1957

Hans Hartung

Für die Idee der Written Art ist Hans Hartung (1904 – 1989) eine Zentralfigur. Schon als Jugendlicher, bevor er mit moderner Kunst in Kontakt kam, entwickelte er sein abstraktes Vokabular. Ab 1935 nannte er sich ›Tachist‹. Als Deutscher kämpfte er in Frankreich gegen den Nationalsozialismus und verlor im II. Weltkrieg ein Bein. 1945 wurde er französischer Staatsbürger. Tachismus bedeutete für ihn die künstlerische Bewältigung von Angst. Weltweit wurde Hartungs Kunst ab 1948 als Kalligrafie verstanden. Ab 1955 nahm er dreimal an der documenta teil.

T1966-E31
T1966-E31 1966

Jenny Holzer

An ihren ›War Paintings‹ hat Jenny Holzer (*1950) jahrelang gearbeitet. In Folge der amerikanischen und britischen Invasion in den Irak widmete sie sich ab 2004 Regierungsdokumenten mit dem Ziel, den Weg in diesen Krieg durch die Sprache seiner Planer und Vollstrecker zu rekonstruieren. Ihre Leinwandbilder reproduzieren Dokumente verschiedener US-Behörden. Darauf erscheinen Aussagen von Zeugen, Ermittlern, Soldaten und Regierungsangestellten. Vor ihrer öffentlichen Freigabe wurden die Dokumente von der US-Regierung geschwärzt.

I am writing sap green (Text US Government)
I am writing sap green (Text US Government) 2006

On Kawara

On Kawaras ›Today Paintings‹ gehören zum Inventar der bedeutendsten Kunstwerke seit den 1960er Jahren. Die Bilder sind politisch und privat und folgen der Entscheidung, sich ohne große Worte, auf hermetische, aber nachvollziehbare Weise um die Geschichte der Menschheit zu kümmern. Kawaras Werk wurde vielfach publiziert, wobei er eine große Zahl der Bücher selbst gestaltete. Als biografischen Hinweis wünschte er sich allein die Angabe von Tagen, an denen er gelebt hat.

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JUNE 1, 1967
JUNE 1, 1967
© One Million Years Foundation

Morita Shiryū

Morita Shiryū (1912 – 1998) gehört zu den bedeutendsten japanischen Künstlern der Nachkriegszeit. Er stand in regem Kontakt zu amerikanischen und französischen Künstlern, um Shodō, den ›Weg des Schreibens‹ als ein zeitgenössisches künstlerisches Ausdrucksmittel, als Philosophie zu propagieren. 1963 schrieb er: ›Die Bewegung des Shō wird durch den mit Tusche gefüllten Pinsel durchgeführt.‹ Indem das Schreiben mit dem Schriftzeichen und der Bildoberfläche zu verschmelzen schien, entstand für ihn ein ganzheitliches Welterlebnis.

Ryu wa Ryu o Shiru
Ryu wa Ryu o Shiru 1969

Shirin Neshat

Neshats Fotos zeigen Kalligrafien in Farsi. Akkurat beginnen die Wörter am Haaransatz. Man muss nah an die Personen herantreten, um die Schrift zu entziffern. Zum Teil geht es um poetische Verse aus einem Gedicht von Jamal al-din Nezami Ganjavi, einem der renommiertesten Dichter Irans. Viele Iraner können Textteile dieser Poesie, in der es um Liebe und das Leben in einer Diaspora geht, noch heute auswendig rezitieren.

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Malaksima
Malaksima 2015

Qiu Zhijie

›Mapping‹, sagt der chinesische Künstler Qiu Zhijie (*1969), Kartieren, Entwerfen und Abbilden, sei seine wichtigste Betätigung. Hunderte von ›Karten‹ hat er bereits realisiert, keine davon bildet nur bestehende Welten ab. Stets geht es um Themen und um Recherche. Qiu ist gelernter Kalligraf, der Schrift und Bild, die chinesische und die englische Sprache mit fiktiven Landschaften in Beziehung setzt. Mit dem Auftragswerk ›24 World Maps‹ versuchte er, alle menschlichen Wissensgebiete zu behandeln.

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Map of Art and Everyday Life
Map of Art and Everyday Life 2015-2017

Kazuo Shiraga

Kazuo Shiraga (1924 – 2008) war das prominenteste Mitglied der japanischen Gutai Gruppe. 1956 hatte ihn die Zeitschrift Life mit den Füßen malend auf einer Schaukel fotografiert. Für Amerikaner reagierte er auf das ›Dripping‹ von Jackson Pollock. Ein kurz darauf in Tokio veröffentlichtes Gutai-Manifest hielt die Technik als Shiragas Malmethode fest. Das Ziel lag in der Verbindung des Farbmaterials mit ›the dynamism of his own mind‹. Shiraga selbst sprach von einem ›proof of life.‹ 1958 wurde die Gutai-Kunst erstmals in New York gezeigt.

Tenku
Tenku 2003

Lawrence Weiner

In der Arbeit Lawrence Weiners (1942 – 2021) geht es um Wörter oder knappe Sätze, die Vorstellungen in uns auslösen. Es werden Stoffe und Ideen aufgerufen, gelegentlich handelt es sich um kryptisch wirkende Appelle. ›The Grace of a Gesture‹ fuhr 2013 auf den venezianischen Vaporetti in zehn verschiedenen Sprachen den Canale Grande auf und ab. Gleichzeitig war das Werk als ein ›Collateral Event‹ der Biennale Venedig in einem Ausstellungsraum nahe der Rialto Brücke zu sehen. Für Weiner basiert eigentlich alles auf Schrift, insofern fast alles auf Bedeutung basiert: ›I think everything is essentially based on writing as it is essentially based on meaning.‹

The Grace of a Gesture
The Grace of a Gesture 2013
© Written Art Collection \ Philipp Ottendörfer

Yū-ichi Inoue

Yū-ichi Inoue (1916 – 1985), der in Tokio zeitlebens als Volksschullehrer arbeitete, war gelernter Kalligraf und hörte von den Hauptströmungen abstrakter Kunst in den USA und Westeuropa. Um die Mitte der 1950er Jahre entwickelte er mit besenartigen, aus Trockengrasbüscheln gebauten Pinseln eine eigene Technik. Es ging darum, mit höchster künstlerischer Energie lesbare Schriftzeichen zu schaffen. Mit seinen großformatigen Tuschebildern war er ab 1954 in vielen Museumsausstellungen vertreten, die die japanische Kalligrafie mit westlicher Abstraktion verglichen.

Ha-Ha Mutter
Ha-Ha Mutter 1962